von Eva Terhorst
- Wie kam es zu dieser Strahlentherapie-Praxis?
- „Alle, die hier arbeiten, sind für das Wohl der Patientinnen und Patienten da.“
- Was muss ich über Strahlentherapie wissen, damit mir die Angst davor genommen wird?
- „Man hört und sieht nichts.“
- Schluss mit alten Vorurteilen
- Passgenau im allerengsten Sinne
- Eine kaum invasive Behandlungsmethode
- Volle Konzentration auf den Menschen
- Tumorzellen können sich nach der Bestrahlung nicht mehr reparieren
- Gesunde Zellen erneuern sich meist von selbst
- Was ist mit der Haut?
- Wenn Fortschritt und Entwicklung Leben verbessern und retten
Wie kam es zu dieser Strahlentherapie-Praxis?
Wenn man Dr. Hanno Koppe befragt, dann hat sich sein Werdegang als Arzt so entwickelt, weil er schon immer eine Faszination und ein großes Grundverständnis für Technik und Wissenschaft verspürte. „Eine plastische Vorstellung im mehrdimensionalen Bereich liegt mir einfach.“, sagt er. Wenn man genau hin hört, dann ist das sicherlich richtig, aber der eigentliche Antrieb für ihn ist die Verbindung von Technik, Wissenschaft und den Menschen, die sie bedienen und denjenigen, deren Gesundheit davon abhängt. Gerne gibt er sich als Brandenburger zurückhaltend, aber er liebt seine Arbeit und das, was er aufgebaut hat. Dazu gehören die neuesten und besten Apparate und ein schönes Ambiente, das in keiner Weise an ein Krankenhaus erinnert. Denn dort finden üblicherweise die Strahlentherapien statt. Besonders wichtig sind ihm Menschen: seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie die Patientinnen und Patienten.
„Alle, die hier arbeiten, sind für das Wohl der Patientinnen und Patienten da.“
Bevor man Dr. Koppe oder die anderen Ärztinnen und Ärzte überhaupt zu Gesicht bekommt, bemerkt man schon beim Betreten des Empfangsbereichs, dass hier ein anderer Wind weht. Wer hier aufschlägt, fällt sofort weich. Sorgen und Ängste werden direkt von den Mitarbeiterinnen abgefedert. Sie wissen, was man gerade durchmacht und lassen einen das ohne viel Worte direkt und sehr sanft spüren. Allesamt.
Was muss ich über Strahlentherapie wissen, damit mir die Angst davor genommen wird?
Ich selbst habe zu denjenigen gehört, die nach Chemo und OP noch zur Strahlentherapie durften. Mir wurde das vorsichtshalber erst am Ende meiner Chemo-Behandlungen offenbart. Vermutlich weil viele Betroffene mit Angst und Überforderung reagieren. So auch ich.
„Warum ist das so?“, möchte ich von Dr. Koppe wissen und er nimmt sich wieder einmal alle Zeit der Welt, um es mir zu erklären. Ich hoffe, dass ich das hier einigermaßen nachvollziehbar wieder geben kann.
„Man hört und sieht nichts.“
„Vor allem“, sagt er, „liegt das daran, dass man einfach nichts von der Behandlung sieht und spürt. Du schmeckst nichts, es gibt keinen Piks, es fließt kein Blut, du hast keine Schmerzen, dir wird noch nicht einmal heiß oder kalt.“
Für mich liegt es aber mehr daran, was ich von tradierten Erfahrungen und Geschichten meiner Vorgängerinnen aus alten Zeiten teilweise auch unbewusst übernommen habe. Um damit Schluss zu machen, geht es in diesem Beitrag.
Schluss mit alten Vorurteilen

Der Doktor erklärt mir geduldig und zum Glück auch verständlich, wie die Strahlentherapie mittlerweile punktgenau und superindividuell auf Jede und Jeden eingerichtet wird. Als ich damals ganz frisch zum Gespräch gekommen war, hatte er eingeräumt, dass wir erst in etwa einer Woche mit der Bestrahlung beginnen können, weil ich zunächst genau vermessen werden muss. Und dann dauert es einfach seine Zeit, bis seine Medizin Physik Experten (MPE) das Gerät exakt auf meine Maße und Anforderungen für die erforderliche Therapie eingerichtet haben.

„Krass!“, dachte ich damals, habe es aber ehrlicherweise nicht so ernst genommen. Jetzt erfahre ich, was das bedeutet. Denn es wird wirklich alles so haargenau austariert und programmiert, dass ab diesem Zeitpunkt nach menschlichem Ermessen weder menschliches noch technisches Versagen mehr möglich sind. Da greifen Abläufe und Sicherheitsschleifen ineinander und kontrollieren sich in Millisekundenschnelle (eine Millisekunde entspricht 0,001 Sekunden) gegenseitig so effektiv, dass mir ein Raumfahrtprogramm im Vergleich, doch recht überschaubar erscheint.
Passgenau im allerengsten Sinne

Für die spätere Strahlenbehandlung werden im Vorfeld Bereiche und Winkel festgelegt und so passgenau berechnet, wie man es sich kaum vorstellen kann. Er zeigt mir das anhand meiner eigenen Bilder und als wir nach einer ganzen Weile unterbrochen werden, sagt er: „An dieser Stelle wurden erst zwei Tage lang Berechnungen für dich gemacht. Da kommt noch mehr als die doppelte Zeit dazu.“, meint Dr. Koppe und fügt hinzu: „Ein weiterer sehr wichtiger Vorgang ist, nach all der Rechnerei und noch lange bevor wir unsere Patientinnen und Patienten mit den Strahlen behandeln, dass wir zum Einen, so wie es auch bei den Tumorkonferenzen ist, zusammensitzen und nach dem Vier-Augen-Prinzip gemeinsam mit Technikern und Kollegen beraten, ob der Behandlungsplan zu 100 % stimmig ist. Zum Anderen erstellen wir, bevor wir die Leute bestrahlen, auf dem Bestrahlungsuntergrund in einem Probedurchlauf mit dem Gerät eine Art Blaupause. Dabei entsteht beispielsweise dein ganz individuelles Behandlungsmuster. Dieses Vorgehen sichert noch ein weiteres Mal ab, dass du genau die Behandlung bekommst, die du benötigst. Nicht mehr und nicht weniger.“

Da kann einem schon mal vor Staunen die Kinnlade herunterklappen und ich muss sagen, dass diese Erkenntnis mir ein sehr gutes und sicheres Gefühl vermittelt, das ich gerne schon früher gehabt hätte. Denn bis zu diesem Moment fehlte mir das Wissen und die Vorstellungskraft dazu. Daher spielte sich in meiner Fantasie die Behandlung mit deutlich weniger Präzision ab.
Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube nahezu, nirgendwo wird man so punktgenau vermessen ausgerichtet und überprüft, wie bei der Strahlentherapie. Und in meinem Fall half da ja auch noch der Clip, der sich immer noch an der Stelle befindet, wo es sich der Tumor einst gemütlich sein Unwesen trieb. Dieser Clip wurde mir damals, als der Tumor noch die beste Zeit seines Lebens hatte, gesetzt, um den Tatort nicht aus den Augen zu verlieren.
Eine kaum invasive Behandlungsmethode
Unabhängig davon, was sich bisher in meinem verschreckten Krebs-Patientinnen-Gehirn abgespielt hat, handelt es sich bei der Strahlentherapie um eine Behandlungsmethode, die aus medizinischer Sicht nicht invasiv ist. Der Medizin Physik Experte füttert das System an der jeweils erforderlichen Stelle mit meinen Daten. Mindestens eine Woche lang.
Volle Konzentration auf den Menschen
Weil dort alle in jedem Augenblick sehr auf mich konzentriert sind und es nichts Wichtigeres zu geben scheint, als meine Gesundheit, bekommt während der ganzen Zeit der riesige und dominante Strahlen-Apparat eine untergeordnete Rolle und Angst und Sorgen haben irgendwie keine Chance mehr, mich zu beunruhigen.
Tumorzellen können sich nach der Bestrahlung nicht mehr reparieren
Nun möchte ich wissen, wie es denn den Tumor- und den gesunden Zellen ergeht, wenn die Strahlen ihre Arbeit tun. Und spätestens jetzt verfliegen alle meine Bedenken, denn die Tumorzellen sind zwar gemeingefährlich, können sich aber nach der Behandlung nicht mehr, wie gewohnt, teilen, bzw. nicht mehr ihre durch die Bestrahlung zerstörte DNS reparieren. Manche Tumore sind flotter unterwegs, andere schwerfälliger, deswegen erfolgt die Bestrahlung auch möglichst mit täglichen Behandlungen und über einen längeren Zeitraum.,
Gesunde Zellen erneuern sich meist von selbst
Trotz aller hervorragender Technik ist es aber immer noch so, dass auch einige der gesunden umliegenden Zellen ebenfalls etwas von der Bestrahlung abbekommen. Aber einer gesunden Zelle macht das gar nicht so viel aus, wie ich dachte, denn sie kann sich, im Gegensatz zur Tumorzelle, jetzt immer noch selbst wieder reparieren und ihre DNS erneuern. Danach ist sie in der Lage, sich zu teilen und weiterhin ihre gewünschte Arbeit zu tun, während die Tumorzellen das Nachsehen haben.
Was ist mit der Haut?
„Aber warum sieht die Haut dann teilweise so mitgenommen aus?“, möchte ich wissen. „Das liegt daran, dass sich Hautzellen ganz anders erneuern und auch abbauen als andere Körperzellen. Sie liegen an der Hautoberfläche, schuppen sich und schieben sich kontinuierlich von innen nach außen. Daher findet dort keine Reparatur statt und wir haben es hier und da mit vorläufig verändertem Hautgewebe zu tun, das sich nach und nach selbst abbaut, bzw. schuppt. Diese Behandlung braucht keine Vollnarkose oder Betäubung und die betroffenen Stellen heilen auf ganz natürliche Weise.
In den meisten Fällen ist von eventuellen Nebenwirkungen der Bestrahlung nach Wochen und wenigen Monaten nichts mehr zu sehen. „Natürlich hängt das auch immer von jedem einzelnen Menschen ab.“, meint der Doktor und lächelt, weil er weiß, dass ich zu den etwas schwereren Ausnahmefällen gezählt werde.
Dass alles komplett verschwindet, kann ich nur bestätigen, denn meine Behandlung ist nun schon eine Weile her. Ich gehörte zu den Patientinnen, die unter anderem auch die Immuntherapie verordnet bekommen hat. In meinem Fall hieß das, dass ich in Kombination mit der Strahlentherapie, heftiger als gewöhnlich reagiert habe. Eher so wie damals vor ca. zehn Jahren, als die Geräte noch nicht so schonend wie heute waren. Meine Haut sah gegen Ende der Bestrahlungen wirklich sehr mitgenommen aus. Schon seit einer ganzen Weile ist davon überhaupt nichts mehr zu merken und zu sehen. Aber es beruhigt mich sehr, zu hören, dass das nicht nur an der Oberfläche der Fall ist, sondern auch ganz tief in mir drin.
Zu fragen, was so ein Apparillo kosten kann, habe ich mich gar nicht erst getraut. Aber ich habe den Namen vom Beschleuniger, Scanner und der Software herausgefunden1. Allein bei der Anschaffung bleibt es ja dann auch nicht. So ein Physiker, der die Berechnungen macht, und da reicht bei Weitem nicht einer, und natürlich auch das ganze andere Personal, die Wartung, Versicherungen, die ständigen Updates und all die Dinge, die ich überhaupt nicht weiß und erahnen kann, fallen dabei sicherlich schwer ins Gewicht.
Dieser Text erhebt nicht den Anspruch, die komplexen Grundlagen und Wirkungen der Strahlentherapie vollständig und wissenschaftlich allumfassend darzustellen. Er soll durch vereinfachte Erklärungen und anhand meiner eigenen Erzählungen helfen, besser zu verstehen, wie eine Strahlentherapie ablaufen und wirken kann. Ich hoffe, auf diese Weise Vorurteile, Vorbehalte und Ängste etwas abbauen können.
Wenn Fortschritt und Entwicklung Leben verbessern und retten
Es ist schon erstaunlich, was Menschen in der Medizin, der Wissenschaft und eigentlich auch unsere Gesellschaft durch die Krankenkassenbeiträge auf sich nehmen und ermöglichen, um unsere Gesundheit zu erhalten. Seit ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin und unzählige Behandlungen durchlaufen habe, schätze ich jeden weiteren Tag um so mehr und bin sehr dankbar dafür.
Durch meine eigene Betroffenheit und das schöne Miteinander mit Dr. Koppe und allen anderen Beteiligten, ist das Strahlentagebuch samt dieser Homepage entstanden. Wir haben Hilfreiches entwickelt und stellen es hier kostenfrei zur Verfügung. Dabei haben wir die Betroffenen und ihre Angehörigen im Blick und hoffen, einen Beitrag leisten zu können, Ängste abzubauen und eine Unterstützung dabei zu leisten, an Schwierigkeiten und Herausforderungen zu wachsen – möglichst gemeinsam. Zum Strahlentagebuch geht es hier entlang: Klick!
TrueBeam ist der Beschleuniger vom Hersteller Varian, die Software heißt Aria und läuft über das Planungssystem Eclipse, der Oberflächenscanner heißt AlignRT vom Hersteller VisionRT und dann gibt es noch die beiden Bestrahlungstechniken VMAT und rapidARC.
